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Fällt den Baum, der euer Kind in den Schatten stellt

04.08.2019 Erstellt von: silas

Von Reto Sauder – reto@integrales-leben.org

„...Ihr dürft den Kindern eure Liebe geben, aber nicht eure Gedanken, denn sie haben ihre eigenen Gedanken." (Khalil Gibran aus „Von den Kindern“)

 

Als ich vor etwa vier Jahren Vater wurde, war für mich von Anfang an klar, dass Erziehung Einsicht in die Bedingungen einer gesunden Entwicklung benötigte. Ich näherte mich der Thematik also von der intellektuellen Ebene, versuchte zu verstehen, wie sich die frühkindliche Entwicklung vollzieht und wie das Umfeld darauf einwirken kann und soll. Wie sonst sollte ich den Anforderungen an meine Rolle gerecht werden, wenn nicht durch klare Vorstellungen davon, was das Richtige ist?

Diese Auffassung macht auch Sinn, denn Kinder zeigen vor allem in den ersten beiden Lebensjahren eine Bedürfnisentwicklung, die es adäquat zu begleiten gilt. Doch diese nüchterne, im Aussen verankerte Herangehensweise findet schnell ihre Grenzen. Dann nämlich, wenn in mir selbst nicht die Bedingungen dafür gegeben sind, adäquat reagieren zu können.

 


Mein Wunsch nach Orientierung durch Einsicht in äusserliche Faktoren stellte sich, wenn es hart auf hart kam, ziemlich schnell als wenig nützlich heraus... Kinderbetreuung ist keine Kurvendiskussion. Rationale Argumente bringen mir nämlich herzlich wenig, wenn meine dreijährige Tochter fuchsteufelswild den Bus zusammenschreit, weil sie ein Schoggigipfel will. Jetzt! Natürlich ist das eine Extremsituation, doch wenn es etwas gibt, das meine Kinder ständig für mich tun, dann ist es das: Sie zeigen mir meine Grenzen, und zwar auf allen Ebenen – körperlich, geistig, aber vor allem emotionell. Genau bei diesem Umstand möchte ich den Anker für diesen Text legen. Das Schwierige für mich, und ich kann das bei den meisten Eltern beobachten, war selten die Einsicht über die Situation, sondern wie ich darin mit meinen Gefühlen umgehen kann. Deswegen, weil in dieser Herausforderung der Hund begraben liegt, möchte ich mit diesen Zeilen ein Umdenken propagieren, worin der Fokus für eine gelungene Erziehung auf den Betreuungspersonen selber liegt – wie wir mit dem umgehen, was bei uns selbst vorgeht und ausgelöst wird – anstatt auf den Verhaltensweisen unserer Kinder. Doch was hat es mit dieser Schwierigkeit auf sich?

 


Wenn wir bezüglich einer gesunden menschlichen Entwicklung die integrale Landkarte zu Rate ziehen, dann weist diese ein entscheidendes Element auf, das darin eine tiefgreifende Bedeutung hat: der Einfluss des Unbewussten, des Schattens. Unter Schatten werden diejenigen Persönlichkeitsanteile zusammengefasst, die wir im Laufe unserer Entwicklung ins Unbewusste verdrängt haben (es sei angemerkt, dass dies oft aus gutem Grund geschah, da diese Anteile damals eine Bedrohung für uns darstellten). Die Wirkung des Schattens auf unsere Wahrnehmung kann sehr anschaulich mit Schmutzflecken auf einer Brille verglichen werden: die Flecken verhindern, dass sich mir das Gesamtbild erschliesst. Oder anders formuliert: Der Schatten verhindert die bewusste Wahrnehmung von Persönlichkeitsanteilen, die ich mir nicht zuschreiben möchte. Diese Anteile sind jedoch trotzdem vorhanden und beeinflussen unser Handeln, wenn auch auf unbewusste Weise. Hier ein paar Klassiker, die sicher jedeR nur ungern, wenn überhaupt, als persönliche Merkmale aufführt: Gier, Geiz, Hochmut, Trägheit, Zorn, Desinteresse, Bedürftigkeit, Abhängigkeit... 

Als ausführendes Beispiel, das u.a. auch in unserem Kulturraum weit verbreitet ist, sei die Emotion Wut angeführt. Viele Menschen behaupten von sich selbst, höchst selten wütend zu sein... klar, denn es gibt ja auch kaum etwas, worüber wir uns aufregen müssen? Aber im Ernst: Nur schon wenn ich einen Halbtagesausflug in die nächste Stadt mache, bin ich ständig genervt (sprich: wütend)! Worüber? Rücksichtslose Menschen, Lärm, Gestank, Müll, überfüllte ÖV, Warteschlangen; hübsche Frauen, die mich ignorieren; Penner, die mich anbetteln etc. Klar kann ich das alles relativieren und mir Einreden, das sei gar nicht schlimm – was es, von einer objektiveren Perspektive aus gesehen, auch tatsächlich nicht ist – doch ist das meiner Wut vollkommen egal! Solche Rationalisierungen führen allemal dazu, dass ich dem Gefühl ausweiche. Tatsächlich sind wir also mit grosser Wahrscheinlichkeit öfters wütend, als wir es uns eingestehen möchten, und dies trifft auf jede Art von Schatten zu.

 


Ok, Wut, Schatten, alles klar... doch was hat das jetzt mit Kinderbetreuung zu tun? Nun, die unverfälschte Wahrnehmung der Kinder bildet die absolute Voraussetzung dafür, dass wir uns überhaupt adäquat um sie kümmern können. Das heisst bei den Hauptbetreuungspersonen muss die Fähigkeit vorhanden sein, das Kind so wahrzunehmen, wie es hier und jetzt ist, sonst ist eine situationsgerechte Reaktion per se unmöglich. Genau das wird aber durch den Schatten verhindert!

Wenn Wut ein Schatten von mir ist, dann werden meine psychologischen Abwehrmechanismen alles unternehmen, damit diese nicht in meinem Gewahrsein auftaucht. Bloss: Auch wenn meine  Wut nicht von mir wahrgenommen werden kann, heisst das nicht, dass mein Kind sie nicht bemerkt - es hat noch keinen Schatten! - und es wird darauf reagieren, indem es meine ungefühlte Wut auslebt. Als Folge sind bei Eltern oftmals manipulative Strategien zu beobachten wie z.B. Ablenkung (durch Essen ist hierfür sehr beliebt) oder Verurteilung («Jetzt reiss’ dich mal zusammen, du verhältst dich unmöglich!»). Dasselbe ist natürlich auch der Fall, wenn Kinder von sich aus wütend sind.

 


Der entscheidende Punkt ist nun aber, dass das Zulassen, Ausagieren und Durchfühlen von Wut besonders im Lebensabschnitt von etwa zwei bis vier Jahren absolut essentiell für eine gesunde Entwicklung ist. Ihre konstante Unterdrückung führt später mit Garantie zu Problemen damit, den eigenen Bedürfnissen folgen zu können.

Was hier exemplarisch an der Wut aufgeführt ist, gilt für jede Art von Schatten. Seien dies andere Emotionen, Eigenschaften oder Bedürfnisse; jeder Anteil unserer Persönlichkeit, den wir im Laufe unserer Entwicklung unterdrückt haben, wirkt dennoch als Schatten auf unbewusste Art auf unsere Wahrnehmung und unser Verhalten ein – die Flecken auf der Brille. Solange keine bewusste Auseinandersetzung mit dem persönlichen Schatten erfolgt, sind wir also grundsätzlich nicht in der Lage, die kindliche Entwicklung in ihrer ganzen Fülle zu begleiten und zu tragen. Denn jeder Fleck auf unserer Brille verhindert, den entsprechenden Anteil unvoreingenommen wahrzunehmen, wenn er in der natürlichen Entwicklung des Kinds erscheint und integriert werden soll.

 


Ich bin fest überzeugt davon, dass Kinder von sich aus die Fähigkeit mitbringen, sich in der Welt zurechtzufinden und zu zunehmend eigenständigen, verantwortungsvollen und einfühlsamen jungen Menschen heranzuwachsen. Ihre eigene Entwicklung und Erziehung sind ihnen sozusagen in die Wiege gelegt worden. Die Aufgabe von uns Betreuungspersonen ist es nur, für diese Entwicklung den passenden Rahmen, also ein gesundes Umfeld zur Verfügung zu stellen, worin sich diese entfalten kann. Voraussetzung dafür ist eine Wahrnehmung, die von unbewussten Persönlichkeitsanteilen möglichst entrümpelt ist, weil diese ansonsten in die Art und Weise dazwischenfunken, was wir im Kind sehen und wie wir damit umgehen.

Lasst uns also unsere Liebe spüren, denn sie kann uns dazu antreiben, Verantwortung zu übernehmen und genau in uns hinein zu schauen, um Licht in die dunklen Spalten unseres Selbst zu bringen; auf dass dies zur Entfaltung ihrer Früchte führt.

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