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Auszug aus "Integrale Schattenarbeit"

10.02.2020 Erstellt von: silas

Der folgende Auszug ist Teil des bald erscheinenden Buches Integrale Schattenarbeit von Silas Hörler.

Qualität versus Quantität


An dieser stelle sollten wir noch eine weitere Differenzierung einführen, welche die Gravität einer Verdrängung beurteilt. Mit Quantitätsschatten bezeichnen wir die harmlosere Sorte: Man hat Schwierigkeiten, in Kontakt mit einer Emotion zu kommen, oder sie auszudrücken. Das bedeutet, dass man grundsätzlich in der Lage ist, das Gefühl bewusst zu erleben, jedoch nicht unter allen Umständen, oder in beliebiger Intensität. Diese Art von Schatten begleitet uns durch die Praxis hindurch und nimmt immer weiter ab.


Lüstlinge
von: Fabienne
Die für mich eindrucksvollste Schatten-Geschichte war, als ich schon länger Schattenarbeit gemacht hatte und wieder einmal mit anderen Gruppenteilnehmern zusammen sass. Ich glaube es war sogar ein inoffizielles Treffen und ich erzählte von meinem Tag, den ich am Rhein verbracht hatte. Ich erzählte ganz entrüstet, wie ich doch einfach nur am Flussufer spazieren wollte und es wirklich mühsam war, weil alle Männer so lüstern am Ufer sassen, alle auf Sex aus waren und mich mit ihren Blicken auszogen. Ein guter Freund von mir grinste mich sehr direkt an und sagte: "So so, diese primitive Lüsternheit überall..." Alle brachen in schallendes Gelächter aus (zum Glück inklusive mir). Mir wurde in diesem Moment klar, dass es meine eigene Lust war, die ich an diesem schönen Frühlingstag wohl nicht in dem Ausmass spürte, in der sie vorhanden war. Dieser Schatten hatte sich sehr lange versteckt und war für mich eine normale Realität. Als Frau ist das ein besonders schwieriger Punkt: Da Männer tendenziell leichteren Zugang zur Lust haben, ist es als Frau einfach, die eigene Lust ständig auf die "Männer da draussen" zu projizieren. Mir wurde erst in diesem Moment klar, dass dies gar nicht die Realität war, sondern eine Brille durch die ich die Welt betrachtete.

Ich mag diese Geschichte sehr, da sie gut zeigt, wie ein eigentlich angenehmes Gefühl zu einem Problem wird, wenn es verdrängt wird.
Bei diesem Schatten handelt es sich um einen Quantitätsschatten. Fabienne ist grundsätzlich fähig, Lust zu empfinden, jedoch nicht immer und nicht in jedem Ausmass. Offenbar ist die Situation am Flussufer ein Setting, in der sie es sich nicht erlaubt, ihre ganze Lust zu fühlen – vielleicht, weil es in der Öffentlichkeit ist; vielleicht, weil da eine ganze Horde halbnackter Männer ist; wer weiss. Jedenfalls verdrängt sie einen Teil ihrer Lust und projiziert ihn auf die optimale Leinwand: Die Männer um sie herum, die wahrscheinlich tatsächlich einigermassen in Kontakt zu ihrer eigenen Lust waren und Fabienne vielleicht tatsächlich genüsslich betrachteten. Doch die Tatsache, dass sie sich so sehr daran stört und es nicht einfach geniessen kann, ist ein klares Indiz für Schatten: “Irgendjemand will hier Sex, aber ich bin es nicht.”

Von einem Qualitätschatten sprechen wir dann, wenn eine bestimmte Qualität (eine Emotion oder Eigenschaft) gänzlich verdrängt ist. Das bedeutet, dass sie in keinster Weise im Bewusstsein aufsteigen kann. Der Qualitätschatten ist denn auch bedeutend gravierender in seinen Auswirkungen: Stell dir vor, du hättest zu einer der Grundemotionen, also zu einem zentralen Baustein der menschlichen Psyche keinerlei Zugang. Man könnte diese Beeinträchtigung mit Farbblindheit vergleichen: Wenn du Rot nicht wahrnehmen kannst, wird sich dies durch sämtliche Lebensbereiche ziehen. Nicht nur kannst du kein Rot sehen, du kannst auch nicht Violett von Blau unterscheiden, oder Orange von Gelb. Und genauso verhält es sich mit Qualitätschatten: Jemand der beispielsweise keinen Zugang zu seiner Angst hat, kann vernünftige Vorsicht nicht von Paranoia unterscheiden. Hat jemand seine Gier vollkommen verdrängt, kann er nicht erkennen, was das normale Erfüllen eines Bedürfnisses ist und was egoistische Gier ist.
Quantitätschatten sind zwar lästig, doch sind sie normalerweise im Bewusstsein des Praktizierenden: Wenn man über Schatten Bescheid weiss, weiss man auch, wo die eigenen Schwachstellen liegen und wo noch weitere Arbeit nötig ist. Der Quantitätschatten kann denn auch durch Praxis abgebaut werden.
Anders verhält es sich mit dem Qualitätschatten: Diese Gefühle und Eigenschaften sind so weit aus dem Bewusstsein verdrängt, dass sie nur noch in Notsituationen auftauchen, was den Umgang mit ihnen bedeutend erschwert. Wenn ich mit jemandem Arbeite, der einen Qualitätsschatten hat, kann ich nicht garantieren, dass der Klient den Qualitätschatten integriert. Es hängt vielmehr davon ab, ob sein Bewusstsein bereit dafür ist oder nicht. Wenn es nicht bereit ist, die betreffende Eigenschaft zu akzeptieren, wird er immer an der entscheidenden Stelle ablenken oder ausweichen und, wenn ich nicht locker lasse, schliesslich die Arbeit abbrechen. Dann wird sein Schatten eine Rationalisierung seiner Entscheidung bewirken (normalerweise gekoppelt mit einer Projektion), so dass er sie für überaus vernünftig hält und damit leben kann.

Depression
von: Fabienne
Ich war früher sehr traurig und habe stark unter der Welt und dem ganzen Leid gelitten. Erfüllt von Schwermut ging ich durchs Leben und konnte nicht verstehen, wie andere Menschen fröhlich und unbeschwert durch die Welt gehen konnten. Gleichzeitig war ich davon überzeugt, ein Mensch zu sein, der nicht wütend ist, als wäre dies kein Teil meiner Persönlichkeit, sondern etwas, das nur in anderen Menschen vorkommt. Als ich auf die Integrale Lebenspraxis traf, wurde mir empfohlen erstmal Körperarbeit zu machen. Ich dachte mir nicht viel dabei und ging in die erste Lektion, in der Bioenergetik unterrichtet wurde. Schon bald merkte ich, dass sich mein Zustand veränderte und ich anfing innerlich zu kochen. Als dann noch Musik aufgelegt wurde, die diesen Zustand unterstrich, fühlte ich mich, als ob ein Schalter umgelegt wurde. Ich war rasend vor Wut. Ich erinnere mich nur noch, dass ich so lange mit dem Fuss auf ein Kissen eintrat bis er blutete, so unkontrollierbar wütend war ich. Jetzt ist mir klar, dass man um Wut nicht herumkommen kann, wenn man ein erfülltes, glückliches Leben haben will. Dieses Gefühl zu unterdrücken und stattdessen "traurig" zu sein, führt dazu, dass wir an Lebendigkeit einbüssen und immer "depressiver" werden.

Hier sehen wir ein gutes Beispiel für einen Qualitätsschatten. Fabienne hatte keinerlei Zugang zu ihrer Aggression.
Sie muss irgendwann (in der frühen Kindheit) gelernt haben, dass ihre Wut nicht OK ist und sie von da an verdrängt haben. Eine Möglichkeit für die Psyche, das zu erreichen, ist das generelle Herunterfahren der Energie, also Depression. Die eigene Aggression wird nur noch im Aussen wahrgenommen (Projektion) und das macht einen “traurig” (Symptom).
Ich möchte nicht behaupten, dass jeder Fall von Depression seine Ursache in verdrängter Aggression hat, doch gibt es eine weit verbreitete, neurotische Depression, die sich genau so begründen lässt.
Fabienne hatte das Glück, im richtigen Moment mit der richtigen Technik konfrontiert zu werden (was natürlich das Ziel der Integralen Lebenspraxis ist), wodurch sie anfangen konnte, diesen Qualitätsschatten zu integrieren. Leider geschieht das sehr selten und viel zu oft begegnet man depressiven Menschen mit idiotischem Mitgefühl, was ihr Leid nur verlängert.

Es zeigt sich, dass die Schattenarbeit uns zwar wertvolle Werkzeuge an die Hand gibt, deren Wirksamkeit aber vielmehr davon abhängt, ob ein Bewusstsein bereit für diese Arbeit ist oder nicht. Es gibt leider viele Menschen, die ihre grössten Schatten und Neurosen bis zum Lebensende mit sich tragen, obwohl das Wissen und die Technik, sie aufzulösen nur allzu leicht zu finden wären. An dieser Stelle kommt die Frage ins Spiel, wie viel Einfluss wir selbst auf unseren eigenen Weg haben und welcher Anteil davon ganz einfach ausserhalb unserer Macht liegt. Liegt es an unserer Entscheidung, mit unseren Schatten aufzuräumen, dass wir diesen Weg gehen? Warum trifft nicht jeder diese Entscheidung? Haben oder hatten wir diese Entscheidung wirklich? Wenn ich meinen eigenen Weg betrachte, sieht es weniger nach einer Entscheidung für diese Arbeit aus, als vielmehr danach, vom Leben mit der Nase hineingedrückt zu werden – ich hatte nicht die Wahl zwischen zwei gleichwertigen Alternativen, es ging eher in die Richtung “Friss oder stirb!” Ich weiss, dass es vielen Menschen so ergeht – womit sich die Frage noch einmal stellt: Wer oder was bestimmt, ob jemand in seinem Leben aufräumt, oder weiterhin seinen Mustern folgt?
Meine persönliche Meinung ist, dass unser Weg zu einem viel grösseren Mass vorbestimmt ist, als es uns lieb wäre. Ich glaube, dass wir uns zwar gegen eine Lektion des Lebens versperren können, jedoch nicht darüber Entscheiden, ob wir damit wieder und wieder konfrontiert werden. Diese Einsicht zwingt mich zu einer gewissen Demut, denn sie vernichtet meine hart erkämpften Verdienste – während sie gleichzeitig meine Rolle als Weltverbesserer relativiert: Alles was ich tun kann, ist diese Arbeit zugänglich zu machen und sie auf dem schönsten aller Silbertabletts zu präsentieren. Ob sie gekauft wird, hängt schliesslich weder von mir, noch vom Käufer ab, sondern davon, ob sie gekauft werden soll.

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